Thomas Thieme
Thomas Thieme

(aus: Ich Faust - Thomas Thieme. Gespräche mit Frank Quilitzsch)

 

Seit zwanzig Jahren sind sie im Dauergespräch – der Ost-West-Schauspieler Thomas Thieme und sein Kritiker Frank Quilitzsch, und jedes der für eine Tageszeitung geführten über 100 Telefonverhöre beginnt mit der Frage: „Herr Thieme, wo sind Sie?“

 

 

 

 

Beatles oder Stones, das war hier die Frage!

 

Herr Thieme, lassen Sie uns mal kurz über Ihre Herkunft reden. Sie sind in Weimar geboren und in der DDR groß geworden. Was haben die Eltern ihrem Thomas mit auf den Weg gegeben?

Mein Vater wollte auf keinen Fall, dass ich Schauspieler werde. Er ist gestorben, als ich neunzehn war, noch bevor eine Entscheidung über den Beruf gefallen war. Und meine Mutter - wie heißt es bei Goethe: Vom Mütterchen die Frohnatur, vom Väterchen den strengen Sinn oder so ähnlich... Meine Mutter hat die Entscheidung toll gefunden.

 

War sie bei den Theaterpremieren immer dabei?

So lange es ging, habe ich sie eingeladen. 1987 hat sie einen Schlaganfall bekommen und war noch fünf Jahre im Pflegeheim. Da konnte sie dann nicht mehr teilnehmen. Meine späteren Auftritte, als es so richtig losging, hat sie leider nicht mehr erlebt.

 

1987 waren Sie doch schon im Westen.

Seit drei Jahren.

 

Ist Ihre Mutter nach Frankfurt am Main gefahren?

Zweimal im Jahr. Sie war ja Rentnerin. Dort hat sie auch der Schlag getroffen, das hing aber nicht mit meiner Schauspielerei zusammen. Dass es in Frankfurt passiert ist, war sogar ein Glück, denn es hat ihr das Leben gerettet. Meine Mutter lebte allein in Weimar. Wenn ihr das Zu Hause zugestoßen wäre, wäre sie wahrscheinlich daran gestorben.

 

Und wie fand Ihre Mutter das, was Sie auf der Bühne gemacht haben?

Na ja, wie finden Mütter das? Sie war natürlich begeistert. Ich glaube nicht, dass sie das alles verstanden hat. Es war die Nach-Achtundsechziger-Zeit, und da ging es auf der Bühne schon etwas anders zu als in den fünfziger und sechziger Jahren. Die Ästhetik des Theaters hat sich doch Achtundsechzig auch im Osten, wenn Sie sich erinnern, sehr geändert. Und ich glaube, meine Mutter war zutiefst verwurzelt in den alten Vorstellungen von Theater.

 

Einar Schleefs Inszenierungen waren nicht ihr Ding.

Sie sagen es.

 

Haben Sie Geschwister?

Ich hatte einen Halbbruder.

 

Sie hatten?

Ja. Er war viel älter, stammte noch aus der ersten Ehe meines Vaters und ist schon lange tot. Ich bin als Einzelkind aufgewachsen, sonst hätte ich nicht so viel zu Essen gekriegt. Ich brauchte auch meine West-Schokolade mit niemandem zu teilen.

 

Warum haben Sie Schlagzeug gelernt?

Es waren die sechziger Jahre! Damals gehörte es sich so, dass man in einer Garagen-Band spielte.

 

Wie hieß die Formation?

The Village Men. Die gründeten sich unweit von Weimar, in Legefeld. Bei denen habe ich Schlagzeug gespielt und gesungen. Aber nur für eine kurze Zeit. Komischerweise hat mich die Schauspielerei beim Arbeitertheater mehr interessiert.

 

Ihre Musikerleidenschaft kommt immer wieder durch, selbst heute noch, wie man im Gasthof Taubach beim Kunstfest erleben konnte.

In meiner tiefsten Seele bin ich ein alter Rock’n’Roller geblieben. Von daher rührt auch meine Liebe zu Kani, der ist allerdings ein richtiges Weimarer Rock-Urgestein und hat nie etwas anderes gemacht. Ich bin meist dem Wort näher gewesen als dem Gebrüll.

 

Ein Musterschüler waren Sie sicher nicht.

Ich war immer in der Mitte. Als verhältnismäßig intelligenter Mensch habe ich, ohne sitzen zu bleiben, alle Schuljahre geschafft. Aber ich sage Ihnen ganz offen: Schule und alles, was damit zusammen hing, war nicht meine größte Leidenschaft.

 

Ich kann Sie mir auch schlecht als FDJ-Sekretär vorstellen...

Nein, ich durfte doch gar nicht in die FDJ!

 

Warum?

Weil mein Vater mal Kommunist gewesen war, Altkommunist. Er war Jahrgang 1897 und hatte zwei Weltkriege mitgemacht. Ich weiß, dass er 1946 beim Zusammenschluss von KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Probleme bekommen hatte. Da muss etwas mit ihm passiert sein. Ich weiß nicht was, da müsste ich mal in den Akten recherchieren. Jedenfalls war mein Vater dann nicht mehr in der Partei und steuerte einen Gegenkurs. Ich durfte mit Ach und Krach noch Junger Pionier werden. Aber FDJ kam nicht in Frage. Das wollte ich auch selber nicht. Ich bin lieber in die Christenlehre gegangen, das war ja immer der kleine Versuch von Opposition. Ich hatte dann Konfirmation und Jugendweihe hintereinander, weil meine Eltern fürchteten, ich könnte sonst ganz durchs Raster fallen. Mein Vater hatte auch das Verdikt ausgegeben: Ostfernsehen wird nicht geguckt! Das war bei uns zu Hause regelrecht verboten, in anderen Familien war das umgekehrt. Ich bin mit dem Westfernsehen großgezogen worden wie mit der Muttermilch. Schon dadurch stand ich vielem um mich herum ablehnend gegenüber. Alles was mit FDJ und DDR-Jugendbewegung zusammenhing, war nicht mein Ding, das hatte für mich keine Erotik. Es war nicht so sehr die Ideologie, die mich genervt hat, die hat mich gar nicht interessiert. Der Erotikmangel war mein Hauptproblem. Ich fand die Rolling Stones einfach geiler.