Zeichnung: Nel
Zeichnung: Nel

(aus: Dinge, die wir vermissen werden)

 

 

Am eignen Leibchen

 

Eigentlich hatte ich eine glückliche Kindheit. Ausgenommen jene Momente, in denen ich – im Alter von zwei oder drei Jahren – für den Wochenend-Familienausflug ausstaffiert, um nicht zu sagen: präpariert wurde. Wir wohnten in Halle an der Saale und fuhren jeden Sonnabend zu meinen Großeltern aufs Heidedorf. Der Weg führte über die Chemie- und Braunkohlenstadt Bitterfeld. Die Ankleideprozedur fand daheim auf der Küchenbank statt und dauerte eine halbe Stunde, die ich halb stehend, halb sitzend über mich ergehen ließ; wenn ich daran      zurückdenke, sträubt sich mir das Fell.

 

Die Schuld lag nicht bei meinen Eltern allein. Der Krieg war zwar vorbei, doch die Versorgungslage im Osten blieb angespannt. Vor allem hatte man hier die hautverträgliche Strumpfhose noch nicht erfunden. Ich bekam die Not in Form zweier Kratzstrümpfe zu spüren, die meine Großmutter aus einem aufgetroddelten Pullover gestrickt hatte. Sobald die Strümpfe über meine Füße gerollt wurden, bekam ich Hautausschlag – was man jedoch erst sah, wenn ich sie wieder ausziehen durfte. Doch damit der Leiden nicht genug: Weil die wollenen Folterröhren nicht von selbst oben blieben, wurden sie an einem anderen Wäschestück befestigt, das mir Brust und Bauch einzwängte und auf dem Rücken zugeknöpft wurde. Da ein solches sogenanntes Leibchen heute in leicht abgewandelter Form nur noch in Beate-Uhse-Shops erhältlich ist, setze ich es auf die Liste der von Vermottung bedrohten Kleidungsstücke.

 

Mein Leibchen war gerippt und sah lustig aus, doch in Wahrheit handelte es sich um ein Büßerhemd mit herabbaumelnden Strumpfhaltern. An diese wurden die braunen Strümpfe geknüpft, das heißt das jeweilige Strumpfende wurde zwischen Knopf und Drahtlasche geklemmt. Komplettiert wurde meine Wochenend-Ausflugsgarnitur durch eine weiße Strickjacke und eine ebenso weiße Schildmütze mit Kinnband. Wie gesagt, die Fahrt ging von Halle nach Bitterfeld, und spätestens an der ersten Bitterfelder Bordsteinkante stolperte ich und paßte mich farblich der ruß- und kohlenstaubgeschwängerten Umgebung an.

 

Die ersten Stürze waren noch Ungeschick und hatten nur Ermahnungen oder eine Ohrfeige zur Folge. Doch da schmutzige Strümpfchen, Jäckchen und Mützchen nach der Ankunft rasch gegen einen viel angenehmer zu tragenden, an den Ellenbogen und Knien herrlich ausgebeulten schwarzen Trainingsanzug ausgetauscht wurden, lernte ich schnell und rettete mich in die Fallsucht. Diese sorgte dafür, daß ich bei nächster Gelegenheit bereits auf der Bitterfelder Bahnhofstreppe und beim übernächsten Mal schon auf dem Bahnsteig hinschlug. Um zu verhindern, daß ich aus dem haltenden Zug fiel, wurde ich künftig von meinem Vater aus dem Waggon gehoben und bis zur Bushaltestelle getragen, wo es mir endlich in einem unbeobachteten Moment gelang, über meine eigenen Füße zu stolpern. Am Wochenende darauf stolperte ich bereits auf dem Hallenser Hauptbahnhof, dann vor der Hallenser Straßenbahn, schließlich schon auf dem Bürgersteig vor unserem Haus in der Freiimfelder Straße. Meine Eltern überlegten, ob sie mich überhaupt noch mit zu den Großeltern nehmen konnten. Schließlich gaben sie nach und erlaubten mir, gleich im Trainingsanzug zu reisen. Von jenem Tage an gab ich mir alle Mühe, den aufrechten Gang zu trainieren. Freilich bin ich dabei noch öfter gestrauchelt.

 

Leibchen, das: miederartiges Kleidungsstück für Kinder, an dem Strumpfhalter befestigt sind

 

Strumpfhalter, der: paarweise für jedes Bein an einem Hüfthalter o. Ä. angebrachtes (breites) Gummiband mit kleiner Schließe zum Befestigen der Strümpfe