Thomas Thieme als Bundeskanzler Helmut Kohl. Foto: Stephan Rabold
Thomas Thieme als Bundeskanzler Helmut Kohl. Foto: Stephan Rabold

(aus: "Thomas Thieme: Ich Hoeneß Kohl - Gespräche mit
Frank Quilitzsch)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist das Faustische bei Helmut Kohl? 

 

Herr Thieme, ist der Kohl-Film jetzt abgedreht?

Ja, der ist abgedreht. Die letzte Szene war Dresden, Hotelzimmer. Draußen die Menschenmassen, und Kohl überlegt, was passiert, wenn sie plötzlich die erste Strophe des „Deutschlandlieds“ anstimmen. 

 

Sie haben mal zugespitzt formuliert, dass Sie seit Ihrem Weimarer Faust im Grunde nur noch Variationen dieser Figur auswerfen. Selbst in diesem Falle? Was ist denn das Faustische bei Helmut Kohl? 

Das ist eine ausgesprochen deutsche und faustische Figur! Deutscher geht es überhaupt nicht. Außer Faust ist Kohl der deutscheste Deutsche, den ich je gespielt habe. Dabei kenne ich wahrscheinlich nur Teile seines Charakters. Ich würde gern mal die 27 Stunden Interview sehen, die Thomas Schadt mit Kohl gemacht hat, was man natürlich nicht darf, denn das Material ist top secret. Das ist womöglich das letzte Interview, das mit dem gesunden, voll leistungsfähigen Kohl aufgenommen wurde. 

 

Warum dürfen Sie als Hauptdarsteller, der seiner Figur so nahe wie möglich kommen soll, keinen Einblick nehmen? Wer zensiert denn das? 

Das hat weniger mit Zensur zu tun als mit Diskretion. Über diesem Film schweben auch jetzt noch mehrere juristische Unwägbarkeiten. Da gibt es Figuren, die nicht Personen der Zeitgeschichte sind. Wie beispielsweise die Sekretärin, deren Namen ich nicht nennen darf. Jedenfalls möchte sie das nicht, weil immer die Frage stand, hatte sie ein Verhältnis mit ihm oder nicht. Dann gibt es einen Leibarzt, der diese Prostata-Geschichte mit ihm durchgezogen hat. Kohl hätte, wie ich schon mal erzählt habe, operiert werden müssen, ist aber auf dem Bremer Parteitag mit einem Katheter aufgetreten, weil er den Putschversuch abwehren wollte. Er hatte sehr schmerzhafte Anfälle und sollte dort nur drei Stunden sitzen. Am Schluss hat er 14 Stunden gesessen. Das zeigt die unglaubliche Physis dieses Mannes. Das habe ich gespürt, als ich diese Szene gespielt habe. Kohl hat einen deutschen – ich kann das nur mit deutsch übersetzen – Willen zur Disziplin: Das muss ich jetzt durchstehen! Es muss durchgestanden, durchgezogen werden – das ist doch wahnsinnig verbreitet bei uns. Und das ist in Kohl – ob auf angenehme oder unangenehme Weise, das entscheidet letztlich der Betrachter – ganz stark vertreten. 

 

Wäre es dann nicht überzeugender gewesen, das Ende der Politikerkarriere Helmut Kohls nicht auszublenden – sein Klammern an der Macht, die Spendenaffäre und dieses merkwürdige „Ehrenwort“, das er nicht brechen will? 

Lieber Herr Quilitzsch! Wenn schon Helmut Kohls Sohn Walter sagt, dass alles, was er bei uns über seine Familie gesehen hat, der Wirklichkeit nicht gerecht wird, dann möchte ich mal wissen, wie wir hier auch noch die Spendenaffäre hätten unterbringen sollen. Der Film gerät – und das macht ihn so spannend – genau zwischen die Fronten des Freundeskreises Kohl einschließlich Familie, für die alles respektlos ist, und der linken Intellektuellen und Publizisten, wo ich Sie mal ganz vorsichtig dazurechne, die natürlich sagen: Also, ein bisschen mehr hättet ihr dem schon die Hosen runterlassen können. 

 

Nicht weniger spannend ist: Was macht die Macht mit einem Menschen? Eine Frage, die beispielsweise auch Oliver Stone in seinem Nixon-Film stellt. 

Es ist unglaublich! Das geht doch schon am Set los. Wenn du den Kanzler spielst, gibt der Produzent, also Nico Hofmann, die Order aus: Kümmert euch um den Thieme! Du bist für die Drehtage der Bundeskanzler. Und auf eine geheimnisvolle Weise überträgt sich diese Haltung, die man Kohl gegenüber hatte, als er der Chef war, plötzlich auf mich. Das ist ein merkwürdiges Erlebnis, das du als Schauspieler aber hinnehmen musst. Du kannst damit nicht flapsig umgehen. Du musst, um die Figur glaubhaft zu spielen, diese Sonderstellung annehmen und vor die Kamera bringen. Es reicht nicht, dass ich in der Drehpause in meinem Wohnmobil sitze, mich im Spiegel mit meiner hübschen Kohl-Frisur ansehe und denke: Geil, da draußen warten sie jetzt alle auf dich. Du musst es vor der Kamera dokumentieren! Sonst ist das Team sauer. Die geben doch nicht so viel Geld aus, weil ihnen mein Gesicht sympathisch ist. Die wollen und erwarten, dass ich die Figur so spiele, dass sie viele Leute in Erregung versetzt und am Ende die ganze Kohle wieder zurückfließt, möglichst vervielfacht. Das ist doch der ganze Witz dabei.